… durch einen riskanten Hebeltrick? Die milliardenschweren Rettungsprogramme zur Lösung der europäischen Schuldenkrise haben bislang keine Wirkung gezeigt. Die Probleme in Griechenland und anderen europäischen Krisenstaaten setzen sich ungehindert fort. Ein riskanter Hebeltrick soll dem europäischen Rettungsschirm EFSF nun mehr Kraft verleihen. Doch die Skepsis bei den Investoren wächst. Zu Recht, wie ich finde. Lassen Sie mich mehr dazu ausführen – und erklären, warum ich Aktien für attraktiv halte.
In Krisenzeiten sind Politiker besonders erfinderisch, vor allem wenn es um die Rettung des Euros geht. Zuletzt haben sich die Euro-Finanzminister auf die Hebelung des europäischen Rettungsschirms EFSF (European Financial Stability Facility) zur Stützung schwächelnder Euroländer verständigt. Börsianern ist die Hebelwirkung gut bekannt, denn schließlich handelt es sich um nichts anderes als den Leverage-Effekt. Dieser Effekt besagt, dass durch den Einsatz von Fremdkapital und unter bestimmten Bedingungen die Eigenkapitalrendite gesteigert werden kann, es sich also lohnt, Schulden zu machen. Vor allem in der Welt der Derivate kommt der Hebeleffekt zum tragen und zwar, wenn mit geringen Mitteln verhältnismäßig große Positionen im Basiswert eingegangen werden. Problematisch an diesem Effekt ist, dass die Leverage-Chance schnell zum Leverage-Risiko werden kann, sich die Risiken also vervielfachen können. In Bezug auf den EFSF bedeutet dies, dass eine drohende Staatspleite das Haftungsrisiko des EFSF und somit für den deutschen Steuerzahler drastisch erhöht.
Im konkreten Fall der Eurokrise soll das vorhandene Kapital von 250 Milliarden Euro auf bis zu eine Billion Euro ausgeweitet werden. Diese Gelder werden dann in Form von Krediten an finanzschwache Staaten weitergereicht, die keinen Zugang mehr zum Kapitalmarkt haben. Als Investoren kommen grundsätzlich Privatanleger, Banken, internationale Anlagefonds sowie Staaten außerhalb der Eurozone in Betracht. Diese werden jedoch nur dann bereit sein, ihre Gelder in europäische Staatsanleihen zu stecken, wenn die neu ausgegebenen Schuldtitel entweder eine hohe Verzinsung besitzen oder mit einem geringeren Risiko als vergleichbare Anlageklassen verbunden sind. Da vor allem das Anlagerisiko schwer einzuschätzen ist, spricht sich die Bundesregierung für eine Versicherungslösung aus. Das bedeutet, dass im Falle eines Zahlungsausfalls gefährdeter Euro-Staaten der europäische Rettungsschirm EFSF für einen Teil dieses Risikos einstehen wird.
Die zuletzt begebene zehnjährige Anleihe des europäischen Rettungsfonds EFSF zur Finanzierung des Hilfsprogramms für Irland ist bei den Investoren allerdings auf wenig Interesse gestoßen. Das angestrebte Emissionsvolumen von drei Milliarden Euro wurde nach Angaben des Fonds zwar erreicht, allerdings hielt sich die Nachfrage auf einem lediglich soliden Niveau, obwohl die Emissionsrendite des mit einem Triple-A-Rating versehenen EFSF bei knapp 3,6 Prozent lag und damit rund doppelt so hoch war bei zehnjährigen Bundesanleihen.
Der im Juni 2010 gegründete EFSF hat seit Jahresbeginn 2011 vier langlaufende Anleihen im Gesamtvolumen von 16 Milliarden Euro begeben. Die erste Anleihe des EFSF im Januar war noch auf ein deutlich größeres Interesse bei den Anlegern gestoßen. Eine neunfache Überzeichnung wurde damals festgestellt. Auch die beiden weiteren Anleihen mit Laufzeiten von fünf und zehn Jahren, die im Juni 2011 begeben wurden, erführen noch eine ordentliche, wenn auch nachlassende Nachfrage. Den maßgeblichen Grund für die mangelnde Nachfrage nach der vierten Anleihe sehen Analysten in der undurchsichtigen EFSF-Struktur, insbesondere der Hebelmechanismus stößt auf Unverständnis und Unsicherheit vor allem bei asiatischen Investoren. Dennoch hat der europäische Rettungsfonds EFSF im Januar eine neue Anleihe mit einer Laufzeit von drei Jahren zu begeben. Über die Anleihe sollen drei Milliarden Euro aufgebracht werden, um Hilfsprogramme für Irland und Portugal zu finanzieren.
Das heftig umstrittene Hebel-Modell sorgt dafür, dass das Haftungsrisiko für den deutschen Steuerzahler drastisch steigt. Bereits ohne Hebelvariante haftet Deutschland allein beim Rettungsfonds EFSF bereits mit 218 Milliarden Euro für die bereitgestellten Notkredite. Ferner drängt sich die Annahme auf, dass auch eine Ausweitung des europäischen Rettungsschirms die europäische Schuldenkrise nicht zu lösen vermag, denn das Krisenmanagement in Europa hat bislang keinen spürbaren Erfolg gezeigt. Es ist somit verständlich, dass die anhaltende Unsicherheit über den Ausgang der Euro-Krise nachhaltig die Stimmung an den Aktienmärkten drückt. Viele Analysten sind deshalb dazu übergegangen, bei ihren Empfehlungen von Szenarien auszugehen. Von der Annahme, dass die Eurokrise eingedämmt wird bis zu dem Szenario, dass die Währungsunion auseinander bricht, ist alles möglich. Die Mehrzahl der Analysten misst dem Katastrophen-Szenario allerdings nur eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit zu. Allerdings scheint die Variante, dass das Vertrauen der Märkte noch in diesem Jahr vollständig zurückgewonnen werden kann, auch nicht allzu wahrscheinlich zu sein. Das wohl wahrscheinlichste Szenario wird vielmehr sein, dass die Eurokrise eingedämmt wird, die Krisenländer Spar- und Reformmaßnahmen beschließen sowie Sanktionsmaßnahmen und Schuldenbremsen etablieren.
Trotz der hohen Unsicherheiten und Risiken wird es auch in diesem Jahr Anlagechancen geben. Speziell Aktien sind nach Ansicht führender Analysten attraktiv und sollten deshalb auch in keinem Portfolio fehlen. Hintergrund hierfür ist, dass viele Unternehmen im Gegensatz zu machen Staaten in guter Verfassung sind. Denn sie haben nicht nur ihre Schulden gesenkt, sondern auch ihre Liquidität erhöhen können. Ferner sind die Bewertungen günstig. Beispielsweise liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) vieler Aktien namhafter Gesellschaften derzeit lediglich zwischen acht und zwölf. Die günstigen Bewertungen führen zudem dazu, dass hohe Dividenden vergleichsweise günstig eingekauft werden können. Demnach ist vor allem die Direktanlage in dividendenstarke Aktien oder in Fonds, die breit diversifiziert in dividendenstarke Titel investieren, derzeit interessant. So werden allein die im DAX vertretenen Unternehmen dieses Jahr schätzungsweise knapp 26 Milliarden Euro und somit 3% mehr als im Vorjahr an ihre Aktionäre weiterreichen. Neben der Deutschen Telekom ragen – trotz Dividendenkürzungen – vor allem die Aktien der Energieversorger RWE und E.on mit erwarteten Dividendenrenditen von 7,8 Prozent und 5,9 Prozent heraus.
Bei der Auswahl der Einzeltitel sollten Anleger neben der günstigen Bewertung allerdings auf eine starke Marktstellung, ein stabiles Geschäftsmodell und eine gesunde Bilanz mit geringer Verschuldung achten. Zudem sollten Anleger auch in ausländische Werte investieren. Nach Angaben der führenden Analysten müssen sich Anleger allerdings insbesondere in der ersten Jahreshälfte 2012 auf stärkere Kursausschläge einstellen. Optimistischer scheinen hingegen die von der DAB bank befragten unabhängigen Vermögensverwalter zu sein: So rechnet die überwiegende Mehrheit damit, dass der positive DAX-Verlauf weiter anhalten wird. 85 Prozent der Befragten gaben im Rahmen der Umfrage an, dass der DAX das Jahr 2012 mit einem Plus abschließen wird. 54 Prozent sehen den deutschen Leitindex in einem Jahr bei über 7.000 Punkten, während 15 Prozent sogar von Notierungen über 8.000 Punkten ausgehen. Durchschnittlich erwarten die Teilnehmer der Umfrage einen DAX-Jahresendstand von 6.860 Punkten. Auch im internationalen Vergleich bescheinigen die Vermögensverwalter dem DAX großes Aufwärtspotenzial.
Prof. Diethard B. Simmert stammt ursprünglich aus der Sparkassen-Organisation und ist heute Studiengangsleiter für „Corporate Finance" an der International School of Management (ISM). Als Geschäftsführer des „ISM Instituts für Rating und Corporate Finance" in Dortmund kommt der ehemalige Chefvolkswirt einer Frankfurter Großbank hautnah mit den Finanzierungsproblemen mittelständischer Unternehmer in Berührung und veröffentlicht zu deren Lösung regelmäßig Fachartikel, unter anderem im Unternehmermagazin "Creditreform".