„Mehr Freiheit, mehr Einfluss – für zwei Vorstände der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt sind das die Beweggründe, um zu einer deutlich kleineren Agentur zu wechseln.“ Diese vor einiger Zeit durch die Presse vermittelte Information bestätigt den Trend von Führungskräften, unternehmerische Engagements zu übernehmen. Nur 44 % der Unternehmensnachfolgen sind rein familiär. Gut jedes fünfte übergabereife Unternehmen wird an andere Unternehmen verkauft – 16 % gehen an externe Führungskräfte und 10 % an Führungskräfte des Unternehmens. Immerhin: Mehr als jedes vierte Unternehmen wird heute an Führungskräfte übergeben. Wie ist das möglich – woher haben die Führungskräfte das für die Übernahme erforderliche Kapital?
Das Eigenkapital der Führungskräfte, die finanzielle Unterstützung durch die verkaufenden Familienunternehmer und die Existenzgründungskredite können bei vielen größeren Unternehmen keine ausreichende Basis sein, die Unternehmenskaufpreise zu finanzieren.
Tatsächlich werden viele Führungskräfte von vermögenden Haushalten mit Minderheitsbeteiligungen begleitet. Immerhin gibt es in Deutschland mehr als 3.000 Familien, die über mehr als 30 Mio. EUR Vermögen (ohne Immobilien) verfügen. Immerhin gibt es 247.000 vermögende Haushalte, die ein Vermögen zwischen 1 Mio. EUR und 30 Mio. EUR ausweisen. Diese vermögenden Haushalte streben – neben einer Vermögensdiversifizierung – in erster Linie eine nachhaltige Rendite für ihr Vermögen an. Wird der 7-fache Gewinn von Unternehmen als Kaufpreis für eine unternehmerische Beteiligung gezahlt, entspricht das einer Rendite von 14 %. Selbst wenn sich durch die Nachfolgesituation die Ergebnissituation verschlechtert, kann mit einer Rendite gerechnet werden, die über den Möglichkeiten am organisierten Kapitalmarkt liegen.
Von Vorteil ist, dass viele Familien gern bereit sind, Minderheitsbeteiligungen zu akzeptieren. Für Führungskräfte und Unternehmen ist von Vorteil, dass bestehende Strukturen und Arbeitsplätze erhalten bleiben. Auch die volle operative Selbständigkeit von Management und Unternehmen ist gewährleistet. In aller Regel besteht auch die Bereitschaft, das Wachstumspotenzial durch Ergänzungsakquisitionen zu fördern, indem zusätzliche Mittel bereitgestellt werden. Überwiegend wird ausschließlich Eigenkapital eingesetzt, so dass die durch Akquisitionsfinanzierungen erforderlich werdenden Restriktionen für Unternehmen entfallen.
Primäres Ziel von Führungskräften ist die unternehmerische Herausforderung. Führungskräfte wünschen Selbständigkeit und Entscheidungsfreiheit und sind deshalb gern bereit, unternehmerische Verantwortung zu tragen.
Natürlich möchten Führungskräfte auch gute Erfolgsaussichten haben. Durch eine gute Unternehmensentwicklung werden Unternehmenswerte gebildet, die – wie viele Beispiele sichtbar machen – zu großem Vermögen führen können. Management-Buy-Out und Management-Buy-In-Transaktionen, bei denen Führungskräfte 2-stellige Millionen-Vermögen bilden konnten, sind zahlreich bekannt.Bei MBO-Übernahmen spielen natürlich auch emotionale Bindungen und die Fortführung begonnener Arbeiten eine Rolle. So haben für viele Führungskräfte der Erhalt der Unabhängigkeit des Unternehmens und die Sicherung des Standortes einen hohen Stellenwert.
Führungskräfte von Großunternehmen geben immer wieder auch als Grund für ein unternehmerisches Engagement an: Befreiung von Konzerndirektiven.
Familienunternehmer, die ihr Unternehmen verkaufen, haben nicht selten das Ziel der Verkaufspreis-Maximierung. Deshalb befindet sich das Management meistens in Konkurrenz zu anderen Kaufinteressenten. Unternehmer sind jedoch stets bemüht, den „besten“ Käufer für ihr Unternehmen zu finden. Die Erhaltung der Unabhängigkeit und der Standorte, die Sicherung von Arbeitsplätzen und die Namensführung haben jedoch einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert. Darüber hinaus ist bei einem Verkauf an Führungskräfte in aller Regel gewährleistet, dass die Unternehmenstradition gewahrt wird.
Speziell beim Verkauf an die eigenen Führungskräfte – ggf. in Kombination mit externen Führungskräften – sind auch die schnellsten Kaufentscheidungen möglich. Die Führungskräfte kennen Stärken und Schwächen des Unternehmens und müssen keine zeitaufwendigen und kostenintensiven Prüfungen durchführen. Schnelligkeit und weniger Gewährleistungsprobleme sind nicht zu unterschätzende Motive, Unternehmen an das Management zu verkaufen. Darüber hinaus ist ein Verkauf an Führungskräfte in der Regel sehr viel diskreter möglich. Unternehmer scheuen Aufsehen im Nachfolgeprozess, da durch Indiskretionen Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Banken verunsichert werden. Gerüchte über externe Verkaufsabsichten können auch dazu führen, dass sich bereits während der Verhandlungsphase Führungskräfte des Unternehmens umorientieren, da sie befürchten, beim Verkauf an einen strategischen Partner möglicherweise an unternehmerischem Einfluss zu verlieren.
Erfreulich ist, dass sehr viele Nachfolgeregelungen mit internen und externen Führungskräften sehr erfolgreich verlaufen. Nicht selten entwickeln sich die Unternehmen ausgesprochen positiv. Natürlich gibt es auch gescheiterte MBO-/MBI-Transaktionen. Der Anteil gescheiterter Transaktionen ist jedoch eher geringer als der Unternehmensverkauf an andere Käufergruppen.
Prof. Diethard B. Simmert stammt ursprünglich aus der Sparkassen-Organisation und ist heute Studiengangsleiter für „Corporate Finance" an der International School of Management (ISM). Als Geschäftsführer des „ISM Instituts für Rating und Corporate Finance" in Dortmund kommt der ehemalige Chefvolkswirt einer Frankfurter Großbank hautnah mit den Finanzierungsproblemen mittelständischer Unternehmer in Berührung und veröffentlicht zu deren Lösung regelmäßig Fachartikel, unter anderem im Unternehmermagazin "Creditreform".